„Die EZB dürfte weiter abwarten inwieweit die Inflation in der Wirtschaft ankommt.“

Thomas Kruse, CIO von Amundi Deutschland, analysierte auf der Amundi Investment Konferenz Kompakt am 7. Mai die aktuelle Marktlage. Warum er mit einem Rückgang des hohen Ölpreises bis Jahresende rechnet und weshalb die EZB die Zinsen in diesem Jahr konstant halten könnte, erläuterte er im ausführlichen Interview.
 

Herr Kruse, wie blicken Sie aktuell auf den Konflikt rund um die Blockade der Straße von Hormus und deren Auswirkung auf den Ölpreis?

Wir rechnen damit, dass momentan die Wahrscheinlichkeit einer zeitnahen Lösung für die Blockade der für die Weltwirtschaft so wichtigen Seefahrtsstraße überwiegt. Das bedeutet natürlich keine sofortige Normalisierung der Öllieferungen oder des Preises. Aber auf Sicht von drei bis sechs Monaten sollte das Transportvolumen von Öl, Gas und anderen Gütern wieder langsam auf die Niveaus von vor dem Krieg zurückkommen. Deshalb rechnen wir auch mit einem Ölpreis um die 80 Euro pro Barrel zum Jahresende. 

Wenn Sie eher mit temporär hohen Ölpreisen rechnen, was könnte das für die Inflationsentwicklung und infolge für die Positionierung der Notenbanken bedeuten?

Für die EZB könnten wir uns vorstellen, dass trotz der Erwartung im Markt für ein oder zwei Zinsanhebungen letztlich keine Zinsänderung in diesem Jahr erfolgt. Die EZB hat klar gemacht, dass sie erst einmal abwarten will, was von der aktuell anziehenden Inflation letztlich in der Wirtschaft ankommt. Deshalb halten wir es für nicht unwahrscheinlich, dass – immer vorausgesetzt die Blockade der Straße von Hormus löst sich kurzfristig auf – auch im Juni nochmal abgewartet wird. Insbesondere, wenn sich dann abzeichnet, dass die für den Preisauftrieb verantwortlichen Parameter wieder zurückgehen. Im Übrigen sollten sich bei einer allmählichen Normalisierung der Energiekosten auch die Zinsen für Staatsanleihen, vor allem bei kürzeren Laufzeiten, wieder verringern, wobei die Zinsstrukturkurve wieder steiler werden dürfte.

Kommen wir zum Investmentthema KI. Die Berichtsaison in den USA hat gezeigt, dass Investoren in diesem Segment nun wohl etwas genauer hinschauen: Trennt sich bei den KI- und Tech-Werten gerade die Spreu vom Weizen?

In der Tat. Ich bin offen gesagt sehr zufrieden damit, dass mittlerweile offenbar mehr konkrete Nutzerzahlen als reine Fantasie zählen. Im Mittelpunkt steht jetzt die Frage, was ist Altgeschäft und was kann in Zukunft noch daraus werden? Wir haben dieses Jahr in den USA 630 Mrd. US-Dollar, die in KI-infrastruktur investiert werden sollen. Wie sich die neue Rechenkapazität mit der Nachfrage in Einklang bringen lässt, dürfte sich dann erst in rund einem Jahr zeigen. Klar ist jedenfalls: Die KI-Unternehmen investieren nicht mehr primär in die Innovation ihrer Modelle, sondern in Rechenkapazitäten, sodass sie dann die Nachfrage auch monetarisieren können, wenn sie kommt. Den Stimmungswechsel der Anleger demonstriert auch der momentane Trend von KI-Softwarefirmen hin zu den Halbleiterunternehmen.

Welche Anlageregion sehen Sie derzeit im Vorteil?

Wir denken, dass die US-Berichtssaison zur Halbzeit dort bereits ein recht positives Umfeld signalisiert. Mittelfristig sind wir auch positiv für die Emerging Markets, doch sind gerade die asiatischen Märkte derzeit besonders betroffen von der Problematik rund um die Straße von Hormus. Dennoch sind die Chinesen – etwa mit ihren KI-Werten – gut dabei und haben eine Menge an Patenten und bieten somit attraktive Chancen. Europa verzeichnet da zurzeit generell eine eher geringe Dynamik, hat aber auch dementsprechendes Potenzial.

Die Rallye beim Goldpreis scheint trotz der geopolitischen Risiken vorbei. Warum?

Vor dem Krieg haben wir gesehen, dass viele Notenbanken Gold mit dem Ziel nachgefragt haben, sich etwas aus der Abhängigkeit vom US-Dollar zu lösen. Mit dem Krieg kamen dann die Kurskorrekturen und in letzter Konsequenz wieder eine Normalisierung beim Goldpreis. Ich glaube aber, dass der Trend hin zum Gold wieder auflebt, wenn die Auseinandersetzung am Golf gelöst wird. Wir gehen deshalb auch davon aus, dass der US-Dollar dann perspektivisch wieder etwas schwächeln wird – das hat mit der US-Politik zu tun, insbesondere mit dem Anstieg der Staatsverschuldung. Wir haben also beim Gold eher einen normalen Rücksetzer erlebt, auch die ein oder andere Gewinnmitnahme. Der grundsätzliche Trade wird aber weiter erhalten bleiben.

Sofern nicht anders angegeben, stammen alle Informationen in diesem Dokument von Amundi Asset Management und sind aktuell mit Stand 07.05.2026. Die in diesem Dokument vertretenen Einschätzungen der Entwicklung von Wirtschaft und Märkten sind die gegenwärtige Meinung von Amundi Asset Management. Diese Einschätzungen können sich jederzeit aufgrund von Marktentwicklungen oder anderer Faktoren ändern. Es ist nicht gewährleistet, dass sich Länder, Märkte oder Sektoren so entwickeln wie erwartet. Diese Einschätzungen sind nicht als Anlageberatung, Empfehlungen für bestimmte Wertpapiere oder Indikation zum Handel im Auftrag bestimmter Produkte von Amundi Asset Management zu sehen. Es besteht keine Garantie, dass die erörterten Prognosen tatsächlich eintreten oder dass sich diese Entwicklungen fortsetzen.