Anleger sollten sich auf Rotationen vorbereiten – in konzentrierten Märkten können Favoriten schnell wechseln
Im Juli flammten die Spannungen im Nahen Osten erneut auf. Die Märkte stellten die Machbarkeit einer Rückkehr zum Waffenstillstand in Frage und trieben die Brent-Ölpreise wieder in Richtung 100 US-Dollar. Zuvor waren die Preise aufgrund effektiver Umleitungsmaßnahmen und einer Neubewertung der Versorgungsrisiken auf Vorkriegsniveau gefallen.
Gleichzeitig hat eine unterschwellige Marktrotation die globalen Aktienmärkte neu justiert. Der Trend weg von überlaufenen Handelspositionen (Crowded Trades) hat an Fahrt gewonnen, während sich der Markt wieder in Richtung weniger konjunkturabhängiger Unternehmen sowie Finanz- und Industriewerte bewegt. Da sektorspezifische Treiber an Einfluss gewinnen, ist die Wertentwicklung stärker gestreut, was sich in einer geringen sektorübergreifenden Korrelation widerspiegelt. An den Anleihemärkten stiegen die Renditen auf hohe Niveaus, wobei zunächst lange Laufzeiten unter Druck gerieten, da Investoren den Spielraum der Staatsfinanzen kritischer sehen.
Zwar wird die Anlegerstimmung weiterhin durch die Erwartungen einer erneut starken Gewinnsaison gestützt. Enttäuschungen könnten allerdings schnell zu Umschichtungen führen, sollten die Ergebnisse oder Prognosen hinter den Erwartungen zurückbleiben. Die Liquidität wirkt weiterhin stützend, könnte jedoch im Laufe des Sommers nachlassen; die Hebelwirkung bei einigen Technologiewerten und Crowded Trades könnte die Marktbewegungen verstärken.
Unsere wichtigsten Einschätzungen zu Ölpreisen, Inflation, Zentralbanken und Märkten
- Die Umleitung von Lieferwegen ist entscheidend für die Reaktion der Ölpreise auf die aktuellen Spannungen; die Entwicklungen spiegeln eine zunehmende Unsicherheit wider. Die Volatilität ist hoch, da die Anleger das Risiko weiterer Versorgungsunterbrechungen abwägen. Darüber hinaus bleiben die LNG-Lieferungen der größte Engpass, da eine Umleitung schwieriger ist, die Produktion Katars nicht ohne Weiteres ersetzt werden kann und die Nachfrage aus Asien und Europa den Gasmarkt weiterhin für unterversorgt hält.
- Die jüngsten Inflationsdaten aus den USA und dem Euroraum zeichnen ein eher positives Bild. Angesichts der jüngsten Spannungen im Nahen Osten und der Ölpreisentwicklung könnte der Weg zur Desinflation jedoch weniger geradlinig verlaufen und mit einer gewissen Volatilität der Daten einhergehen. Die Zentralbanken dürften weiterhin vorsichtig bleiben; eine inflationsbedingte Straffung dürfte nur vorübergehend sein und im nächsten Jahr nach einer Entspannung der Lage im Nahen Osten wieder rückgängig gemacht werden. Mittelfristig bleibt die Inflationsdebatte eher struktureller als konjunktureller Natur. Die zentrale Frage ist, wo sich die Inflationsuntergrenze letztendlich einpendeln wird – vor dem Hintergrund eines Investitionszyklus, der Knappheiten offenlegt, der Notwendigkeit, die strategische Autonomie zu stärken, des Wettlaufs um die Vorherrschaft im Bereich der künstlichen Intelligenz, hoher Verschuldung und der Auswirkungen des Klimawandels.
- Das Wachstum dürfte sich leicht erhöhen, allerdings ungleichmäßig über die Länder und Wirtschaftssektoren hinweg. Investitionen werden die Vorreiterrolle übernehmen. In Europa ist das deutsche Reformpaket eine strukturelle Säule, die sich kurzfristig durch die Stärkung des Vertrauens nur leicht auf das BIP-Wachstum auswirken dürfte; ein größerer Wachstumsbeitrag hingegen dürfte sich eher auf längere Sicht einstellen.
- Bei Aktien bestätigt sich das Thema der Rotation. Die jüngste Schwäche bei Halbleitern unterstreicht eine stärkere Bewegung auf der Suche nach neuen Chancen: weg von Chips – den wichtigsten frühen Nutznießern von KI-Investitionen – hin zu anderen Segmenten innerhalb der KI-Wertschöpfungskette, darunter Infrastruktur, Energie und Anwendungen. Nach einem massiven Anstieg seit Jahresbeginn sieht dies nach Gewinnmitnahmen und einem Ruf nach größerer Selektion aus, da sich das KI-Handelsgeschehen in Gewinner und Verlierer aufspaltet.
- In diesem Umfeld behalten wir insgesamt eine leicht risikofreudige Haltung bei. Es ist unserer Meinung nach noch nicht an der Zeit, das Risiko zu erhöhen, da sich die Zinsen hohen Niveaus nähern, die Gewinne nur wenig Raum für Enttäuschungen lassen und die geringere Liquidität im Sommer die Marktschwankungen verstärken könnte.
Eine Diversifizierung über Regionen und Sektoren hinweg ist aus unserer Sicht also entscheidend, um ein widerstandsfähiges Portfolio aufzubauen, wobei der Fokus auf Fundamentaldaten und Selektion liegen sollte.
Unsere Einschätzungen zu den verschiedenen Anlageklassen
- Anleihen: Wir behalten eine leicht vorsichtige bis neutrale Haltung gegenüber der US-Duration bei und bevorzugen mittlere Laufzeiten. Duration ist eine Maßzahl für die Zinssensitivität von Anleihen. Wir glauben weiterhin an eine Versteilerung der Zinskurve und haben angesichts der attraktiven Niveaus Positionen in Realzinsen am langen Ende aufgestockt. In Europa haben wir unsere Positionen auf eine Versteilerung der Kurve ausgebaut und bevorzugen weiterhin Anleihen aus Peripherieländern gegenüber denen aus Kernländern. In Großbritannien haben wir bei unserer Position Gewinne mitgenommen, behalten aber unsere Überzeugung hinsichtlich einer Versteilerung der Kurve bei. Hochwertige Unternehmensanleihen bieten nach wie vor attraktive Renditen; gegenüber Anleihen aus Schwellenländern sind wir weiterhin konstruktiv eingestellt.
- Aktien: Wir konzentrieren uns auf widerstandsfähige Geschäftsmodelle, die weniger anfällig für Disruptionen sind, sowie auf starke Bilanzen. Strategisch halten wir uns angesichts hoher Bewertungen und Konzentrationsrisiken von den USA fern. Wir sind optimistisch für Europa und Japan, während auch die Schwellenländer aufgrund ihrer technologischen Stärke und im Vergleich zu den Industrieländern attraktiveren Bewertungen interessant erscheinen.
- Anlageklassen-übergreifend: Im Multi-Asset-Bereich behalten wir eine risikofreudige Haltung bei, bevorzugen jedoch Carry-Strategien, Selektion und regionale Diversifizierung gegenüber einer ausgeprägten Positionierung. Infolgedessen haben wir unsere positive Haltung gegenüber dem S&P 500-Index taktisch reduziert, behalten diese jedoch gegenüber dem SPX 500 Equally Weighted-Index bei. Diese Umschichtung begünstigt Europa, wo das deutsche Reformpaket und das Infrastrukturpaket für Unterstützung sorgen dürften. Im Devisenbereich bevorzugen wir weiterhin eine Umschichtung in Schwellenländerwährungen.
Von Vincent Mortier, Group CIO Amundi, und Monica Defend, Head of Amundi Investment Institute.
Quelle: Amundi. Sofern nicht anders angegeben, Stand: 28.07.2026. Die in diesem Dokument vertretenen Einschätzungen der Entwicklung von Wirtschaft und Märkten sind die gegenwärtige Meinung von Amundi Asset Management. Diese Einschätzungen können sich jederzeit aufgrund von Marktentwicklungen oder anderer Faktoren ändern. Es ist nicht gewährleistet, dass sich Länder, Märkte oder Sektoren so entwickeln wie erwartet. Diese Einschätzungen sind nicht als Anlageberatung, Empfehlungen für bestimmte Wertpapiere oder Indikation zum Handel im Auftrag bestimmter Produkte von Amundi Asset Management zu sehen. Es besteht keine Garantie, dass die erörterten Prognosen tatsächlich eintreten oder dass sich diese Entwicklungen fortsetzen. Herausgeber: Amundi Deutschland GmbH, Arnulfstraße 124–126, D-80636 München.