Die jüngste Ausgabe des beliebten Online-Formats „CIO-Update“ stand ganz im Zeichen des Ausblicks auf das 2. Börsenhalbjahr: Thomas Kruse, CIO von Amundi Deutschland und Helen Windischbauer, Head of Multi Asset Solutions bei Amundi Deutschland, analysierten, wie Anleger sich angesichts geopolitischer Risiken und hoher Volatilität aussichtsreich positionieren könnten. Die wichtigsten Aussagen haben wir für Sie in einem ausführlichen Interview zusammengefasst.
Herr Kruse, der Konflikt im Mittleren Osten hat erheblichen Einfluss auf die Entwicklung an den Finanzmärkten. Welchen Fortgang halten Sie in der zweiten Jahreshälfte für wahrscheinlich?
Der andauernde Konflikt belastet die Weltwirtschaft insbesondere über die Einschränkungen bei den so wichtigen internationalen Transportwegen, wie der Straße von Hormus, sowie über den immer wieder stark anziehenden Ölpreis. Deshalb haben wir die meisten unserer Wachstumsprognosen nach unten korrigiert. Wir rechnen allerdings damit, dass beide Seiten eher ein Interesse haben sollten, zu deeskalieren. Wie fragil dieser Prozess aber sein kann, zeigen bereits die aktuellen Schwierigkeiten, den vereinbarten Waffenstillstand einzuhalten. Perspektivisch sehen wir deshalb den Ölpreis zum Jahresende in einem Korridor zwischen 80 und 90 US-Dollar. Denn auch bei einer, im besten Fall dauerhaften Öffnung der Straße von Hormus müssen weltweit wieder die Öl-Reserven aufgefüllt und auch die teilweise beschädigte Energie-Infrastruktur in der Region repariert werden.
Das Thema KI scheint die Börsen weiter zu beflügeln. Könnte das die geopolitischen Belastungen teilweise kompensieren?
Im Grunde haben wir das ja im ersten Halbjahr gesehen: Die Aktienmärkte, allen voran in den USA, haben in der Jahr-zu-Jahr-Betrachtung hohe Zuwächse erfahren. Die Erwartungen an den KI-Sektor waren dafür sicher einer der Hauptgründe. Auch wenn wir diesen Trend als immer noch intakt bewerten, baut sich hier natürlich eine gewisse Enttäuschungsgefahr auf, sollten die KI-Unternehmen Probleme bei der Implementierung oder Monetarisierung ihrer Innovationen bekommen.
Gilt diese wirtschaftliche Robustheit gleichermaßen für Europa wie die USA?
Da sollte man schon differenzieren: In den USA dämpfen die hohen KI-Investitionsausgaben den Rückgang im Konsumbereich, sodass das BIP 2026 dort voraussichtlich mit 2,1% und nochmal 2,1% in 2027 wachsen dürfte. In Europa blicken wir dagegen heuer auf schwache 0,5% „Plus“ im BIP, die sich nächstes Jahr immerhin auf 1,0% verdoppeln sollten. Hier vor allem wegen immer stärker greifenden Investitionen in Infrastruktur, Verteidigung sowie generell in die Autonomie des Alten Kontinents. Vor diesem Hintergrund wird auch klar, weswegen wir trotz höherer Inflation in den USA davon ausgehen, dass die FED weiter „on hold“ bleibt, während die EZB mutmaßlich im Herbst noch einen präventiven Zinsschritt nach oben gehen dürfte.
Frau Windischbauer, wie wirkt sich das skizzierte Szenario denn konkret auf das Portfoliomanagement im zweiten Halbjahr aus?
Grundsätzlich dürfte natürlich die Volatilität in den einzelnen Märkten und Segmenten steigen. Auf den ersten Blick wird diese bei Aktien und Anleihen aber recht unterschiedlich bewertet: Während die Kurse der festverzinslichen Wertpapiere angesichts steigender Renditen erwartungsgemäß fallen, halten sich die Aktienkurse trotz der vorhandenen Risiken stabil oder steigen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich allerdings, dass die Aktienindizes weiter von den KI-Werten getrieben, andere Branchen, Regionen und Segmente aber differenzierter betrachtet werden. Deshalb setzen wir bis zum Jahresende auf folgende Anlageüberzeugungen: Wir passen uns im Anleihebereich an den „Rendite-Reset“ an und nutzen darüber hinaus die divergierenden Chancen der Schwellenländer. Bei Aktien vermeiden wir Konzentrationsrisiken und streuen breit. In Inflationszeiten ergänzen wir zudem Sachwerte. Als klares Thema sehen wir Investitionen, die Europas Autonomie stärken. Und zu guter Letzt überdenken wir angesichts hoher Volatilität unserer traditionellen Absicherungsstrategien.
Was bedeutet das auf Ebene der einzelnen Anlageklassen für den Bereich Aktien?
Die Bewertungen von Aktien bleiben historisch hoch. In der relativen Betrachtung halten wir europäische Aktien und auch Schwellenländer deshalb momentan für attraktiver als US-Titel. Wer die KI-Konzentration in den wenigen „Big-Techs“ meiden will, könnte zunehmend breiter in Bereiche, Branchen und Länder investieren, die von der anstehenden Implementierung von KI-Lösungen in vielen Firmen profitieren dürften. Denn das immer noch enorme Aufholpotenzial von Unternehmen mit effizienter KI-Unterstützung könnte perspektivisch Rückenwind für die gesamte KI-Wertschöpfungskette bedeuten. Infrastruktur und Verteidigung bleiben ebenso interessant wie Versorger, die von den Themen Energiewende, E-Sicherheit und E-Speicherung profitieren sollten. Für Europa würde ich noch die Small- und Mid-Caps hervorheben, bei den Regionen Japan und in den Schwellenländern Indien, dessen Wachstumspfad weiter strukturell begründet bleibt.
Welche Schwerpunkte würden Sie für Anleihen setzen?
Wir sind grundsätzlich positiv für Duration, vor allem in Europa, wo die Schuldenthematik schon deutlicher eingepreist ist als in den USA. Für hiesige Anleger bietet sich zudem der Vorteil, dass in Euro-Anleihen keine Wechselkursrisiken des US-Dollars als Belastung auftreten können. Wir bevorzugen Laufzeiten zwischen 2 bis 5 Jahren und die gute Bonität im Segment „Investment Grade“. Die Schwellenländer sind traditionell abhängiger vom US-Dollar, hier könnte eine Streuung in Dollar-notierte sowie in der Lokalwährung ausgegebene Anleihen interessant sein.
Bleibt Gold trotz der Kursabschläge weiter attraktiv?
Ja, das Edelmetall bleibt wie andere Substanzwerte eine wichtige Absicherung, etwa gegen Inflation oder geopolitische Risiken. Zudem wird aktuell wenig Gold produziert. Wie gesagt, eine höhere Volatilität sollte immer auch Anlass sein, Absicherungsstrategien anzupassen, um selektiv Chancen nutzen zu können.
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