Thomas Kruse, CIO von Amundi Deutschland, und Helen Windischbauer, Leiterin Multi-Asset Solutions bei Amundi Deutschland, erläuterten im Amundi CIO-Update am 19.03., welche Entwicklungen und Folgen des Irankriegs für Anleger relevant sind. Insbesondere, was der aktuell hohe Ölpreis konkret für die Ausrichtung des Portfolios bedeuten kann, lesen Sie im ausführlichen Interview.


Herr Kruse, wie bewerten Sie die aktuelle Situation an den Märkten infolge der militärischen Auseinandersetzung zwischen den USA und Israel auf der einen sowie dem Iran auf der anderen Seite?

Wir sehen an den Finanzmärkten gerade in vielen Anlageklassen hohe Volatilität. Die Geopolitik ist derzeit der bestimmende Faktor. Die Angriffe des Iran auf die weltweit größte Flüssiggasanlage in Katar sind bereits eine Eskalation, die sich auch mittelfristig auswirken könnte. Der Ölpreis zeigt nun mit Preisen bis 115 US-Dollar eine deutliche Reaktion, die auch die Märkte momentan stark beeinflusst. Infolge werden auch die Zahlen zum BIP-Wachstum allgemein etwas nach unten korrigiert. Trotzdem bleibt das Wachstum weltweit aber robust, und das, obwohl die Notenbanken momentan die Leitzinsen unverändert lassen. 

Wie steht es um das Thema Inflation?

Die Inflationserwartungen steigen zwar, allerdings sollte man hier differenzieren. Die USA ist als Erdölexporteur von hohen Energiekosten weniger betroffen als etwa Europa. Hier könnte die Inflation vorübergehend und abhängig vom Ölpreis und der Dauer des Konflikts durchaus auf 2–3%, eventuell sogar Richtung 4% ansteigen. Zumal für uns auch die Vorprodukte aus China absehbar teurer werden – insbesondere wegen des hohen Ölpreises bei gleichzeitig hoher Abhängigkeit Asiens von fossiler Energie aus der Golfregion. Der Inflationsdruck ist also beispielsweise in China, wenngleich hier auf niedriger Basis, in Indien und Japan höher als in den USA, wo die Inflationsrate zudem schon 2027 wieder nach unten kommen dürfte. 

Was bedeutet das Ganze für unsere Wirtschaft?

Deutschland könnte wegen seiner Energieabhängigkeit und seiner „Werkbank China“ ökonomisch vom Iran-Krieg besonders betroffen sein. Das dürfte die BIP-Wachstumsaussichten von derzeit – je nach Institut – zwischen 1 und 1,3% leicht eintrüben. Eine Rezession erwarten wir aber nicht, auch weil das Sondervermögen seine Wirkung in diesem und nächsten Jahr stärker entfalten sollte. Zudem sehen wir die hohen Ölpreise momentan noch als temporäres Phänomen. Am Jahresende halten wir eine Marke um die 70 Dollar für realistisch.

Die Notenbanken agieren defensiv und haben ihre geplanten Zinssenkungen offenbar erstmal zurückgestellt. Was bedeutet das für die Märkte?

Für die EZB hatte der Markt im Zuge des Irankonflikts recht schnell zwei Zinserhöhungen noch im Jahr 2026 eingepreist. Das scheint uns zu hoch, wir rechnen eher damit, dass die EZB die Zinsen konstant halten wird. Denn der Inflationsdruck ist bei uns eng an eine steigende Lohnentwicklung gekoppelt und da rechnen wir nicht mit einem signifikanten Impact. Im Falle der US-Notenbank hatten wir für das laufende Jahr noch zwei Zinssenkungen erwartet. Wir rechnen aber eher mit nur noch einem Zinsschritt im September und dann erst wieder im 1. Quartal 2027. Das heißt, die Geldpolitik kommt hier später wieder auf den eingeschlagenen Pfad zurück.

Noch ein Wort zum deutschen Sondervermögen. Die Bundesregierung steht momentan stark in der Kritik, die Mittel bislang überwiegend in den Haushalt und nicht für Investitionen verwendet zu haben. Wie bewerten Sie das?

Grundsätzlich ist das problematisch und auch unerfreulich. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass das Volumen dieser Mittel bisher recht gering war. Für 2026 und 2027 rechnen wir mit deutlich höheren Prozentsätzen für Investitionen – und das bei deutlich größeren Volumina. Das Sondervermögen dürfte also sukzessive immer stärker wirksam werden und die deutsche und europäische Wirtschaft unterstützen.

Frau Windischbauer, wie bewerten Sie auf Ebene der Anlageklassen die aktuelle Entwicklung?

Mit Beginn des Krieges hat sich die positive Entwicklung der letzten Jahre mit starken Kursgewinnen bei Aktien, guten Chancen für Renten, einem moderaten Ölpreis und einer Goldpreisrallye praktisch umgekehrt. Die Volatilität bei Aktien und Anleihen ist deutlich gestiegen, allerdings nicht auf die sehr hohen Werte im Zuge des Zollstreits des letzten Frühjahrs. Wir sehen generell deutliche Kursbewegungen: Korrekturen bei Aktien und Renten, Gewinne bei Energie und vor allem Öl sowie Verluste in Edelmetallen und einen wieder erstarkten US-Dollar – Panik sehen wir aber keine. 

Erwarten Sie Gewinnrevisionen der Unternehmen?

Das hängt von der Dauer der Auseinandersetzung sowie der Region ab: Für die USA könnte das wegen der noch relativ hohen Erwartungen eher zutreffen als für Europa. Ich würde das perspektivisch so zusammenfassen: Die Aktienrallye legt nun eine Pause ein.

Gilt das auch für Value- oder Technologie-Titel?

Allgemein lässt sich sagen, dass die derzeitige Unsicherheit über die Länge der Krise und die Entwicklung des Ölpreises zu einer Rotation der Sektoren führt. Energie gewinnt in der Breite, aber gerade Konsumgüter- und Finanzwerte tun sich schwer. US-Werte und der IT-Sektor sind relative Gewinner, auch wenn die Bewertungen teils immer noch hoch sind, was zu Vorsicht mahnt.

Wie steht es um Europa?

Gerade die relative Bewertung bleibt interessant! Strukturell bietet unser Kontinent Chancen, taktisch sollte man aber differenzieren. Für Anleger zählt, dass hier noch die enormen Mittel der Konjunkturpakete darauf warten, bei den Unternehmen anzukommen.

Wie haben die Rentenmärkte reagiert?

In den USA und Deutschland sind die Renditen am kurzen und am langen Ende gestiegen – stärker am kürzeren als am längeren Ende. Deshalb ist die Zinsstrukturkurve wieder leicht invers. Das lag daran, dass wir sehr schnell eine Neubewertung der Notenbankpolitik gesehen haben: Zinssenkungen wurden ausgepreist, in Europa gar eine Zinserhöhung. All das ist auch Ausdruck der Annahme, dass der aktuelle Ölpreisschock gewisse Auswirkungen auf das Wachstum haben könnte.
Wie setzen Sie das skizzierte Gesamtbild derzeit in den Anlageklassen und den Portfolios um?
Wir agieren weiter mit ruhiger Hand und bleiben breit gestreut. Grundsätzlich behalten wir unsere strategische Ausrichtung von vor dem Krieg bei, sind aber nun taktisch vorsichtiger positioniert. Das bedeutet, dass wir neutral bis leicht positiv für Aktien bleiben, Europa beibehalten und zugleich die Gewichtung der USA einen Tick ausgebaut haben. Allerdings wegen der immer noch hohen Bewertungen im Big-Tech-Bereich vorsichtig und eher bei Value- und Qualitätsaktien. Diese zeichnen sich oft durch solide Bilanzen, geringe Fremdfinanzierung und eine besonders attraktive Marktposition aus – das sorgt auch in volatilen Zeiten für Stabilität. Japan und Schwellenländer bleiben interessant, allerdings sollte man auf die Abhängigkeit der Unternehmen und Sektoren vom Ölpreis achten. Unternehmensanleihen mit gutem Rating sind momentan attraktiver als Staatsanleihen. Renditen winken auch in Regionen weit ab des Iran-Konflikts, etwa in Lateinamerika. Alles in allem bleiben hohe Aufmerksamkeit und effiziente Diversifikation sehr wichtige Faktoren.  


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Sofern nicht anders angegeben, stammen alle Informationen in diesem Dokument von Amundi Asset Management und sind aktuell mit Stand 19.03.2026. Die in diesem Dokument vertretenen Einschätzungen der Entwicklung von Wirtschaft und Märkten sind die gegenwärtige Meinung von Amundi Asset Management. Diese Einschätzungen können sich jederzeit aufgrund von Marktentwicklungen oder anderer Faktoren ändern. Es ist nicht gewährleistet, dass sich Länder, Märkte oder Sektoren so entwickeln wie erwartet. Diese Einschätzungen sind nicht als Anlageberatung, Empfehlungen für bestimmte Wertpapiere oder Indikation zum Handel im Auftrag bestimmter Produkte von Amundi Asset Management zu sehen. Es besteht keine Garantie, dass die erörterten Prognosen tatsächlich eintreten oder dass sich diese Entwicklungen fortsetzen.