Die aktuelle Marktsituation sowie die möglichen Folgen der anstehenden Midterm-Wahlen in den USA standen im Fokus des jüngsten CIO-Updates von Amundi. Thomas Kruse, CIO von Amundi Deutschland, sowie Astrid Dörner, Chefreporterin für Geldanlage und Märkte beim Handelsblatt, analysierten die jüngsten Entwicklungen aus Anlegersicht.
 

Herr Kruse, wie bewerten Sie die aktuelle Situation an den Aktienmärkten?

Wir sehen gerade eine gewisse Diskrepanz zwischen einer Vielzahl an negativen Nachrichten auf der einen und der hohen Stabilität der Aktienmärkte auf der anderen Seite. Und das angesichts eines kurzfristig wieder auf rund 113 US-Dollar pro Barrel gestiegenen Ölpreises. Bei näherer Betrachtung gibt es für die Resilienz der Aktienmärkte aber durchaus nachvollziehbare Gründe: Denn der hohe Ölpreis ist nicht Folge einer akuten Mangellage, sondern eines geopolitischen Risikoaufschlags, der sich beispielsweise aus einer Eskalationssorge hinsichtlich des Krieges am Golf nach den Midterm-Wahlen in den USA speist. Wir rechnen aber damit, dass der Ölpreis im ersten Quartal 2027 wieder um die 80 US-Dollar liegen dürfte. Wichtige Treiber für Unternehmenstitel sind derzeit vor allempositive Frühindikatoren sowie überzeugende Unternehmensgewinne.

Gibt es da Unterschiede zwischen den USA und Europa?

Qualitativ ja, aber nicht im Trend. Die derzeit berichteten Gewinnzuwächse liegen in den USA bei gut 30%, in der Eurozone knapp unter 20%. Wir sind in den USA zwar früh in der Berichtssaison, aber bislang melden 80% der Unternehmen höhere Gewinne als zuvor geschätzt und auch um 67% bessere Umsätze. Für Deutschland revidieren gerade viele Institute, die Regierung und der IWF ihre Wachstumsprognosen für 2026 nach oben auf einen Pfad von 1,1–1,3%. Und wir sehen positive Frühindikatoren. Der ifo-Index steht derzeit beispielsweise auf einem 3-Jahres-Hoch. Generell ist das Wachstum in der Eurozone robust, aber in den einzelnen Ländern ungleichmäßig.

Wie steht es um die Inflation in beiden Wirtschaftsräumen?

Momentan liegen die USA bei 3,7% Gesamtinflation und 2,6% Kerninflation, Europa bei 3,8% bzw. 2,5%. Die Prognosen für 2027 gehen von einem deutlicheren Rückgang in den USA auf „gesamt“ 2,3% und in Europa auf 2,8% aus. Somit wären die USA sozusagen näher an den Notenbankzielen. Fed und EZB dürften sehr auf die Zweitrundeneffekte achten, um ihren weiteren Kurs auszuloten. Doch mit einem prognostizierten Lohnwachstum von bescheidenen 3% in der Eurozone, rechnen wir eher mit einem wenig problematischen Niveau.

Könnte auch das Thema Verschuldung die weiteren Schritte der Notenbanken beeinflussen?

Die globalen Haushaltsungleichgewichte nehmen zu, vor allem auch in den G7-Staaten. Hier sieht man die USA in der 5-Jahres-Prognose momentan bei rund 140% Schuldenquote, nicht weit dahinter Italien und Frankreich. Deutschland dürfte wegen der Sondervermögen dann bei rund 80% Defizit landen. Entscheidend ist, was das für den Zinsdienst bedeutet. Und der liegt bereits jetzt in den USA bei rund 4% des BIP, in Deutschland nur bei rund 1%. Der Markt rechnet indes mit je drei weiteren Zinserhöhungen von EZB und Fed im ersten Halbjahr 2027. Das deckt sich in etwa mit unseren Erwartungen. Wir gehen zunächst von jeweils zwei Zinserhöhungen bis Ende des ersten Quartals aus.

Das Thema KI spielt an den Märkten weiter eine wichtige Rolle. Werden sich die enormen Investitionen der sogenannten „Hyperscaler“ rentieren?

Allein in diesem Jahr wollen diese dynamisch wachsenden KI-Infrastruktur- und Plattform-Unternehmen rund 1 Bio. US-Dollar investieren. Die entscheidende Frage wird sein, auf welche Nachfrage dieses Angebot treffen wird. Wir sehen es auch bei uns, dass immer mehr Unternehmen KI ganz konkret anwenden, doch es wird auch hohen Wettbewerbsdruck geben. Deshalb sollten wir die Entwicklung weiter Quartal für Quartal beobachten. KI dürfte für Gewinner wie die Sektoren Energie, Telekommunikationsnetze oder Chiphersteller sorgen, aber auch manche Bereiche gehörig unter Druck setzen – so wie aktuell die Medien. Doch ist schon heute klar, dass KI uns revolutionieren wird und sich somit auch in der Breite durchsetzen dürfte.

Frau Dörner, in den USA stehen die wichtigen Midterm-Wahlen an, bei denen das Repräsentantenhaus und ein Drittel der Senatoren neu gewählt werden. Wie steht es und welche Themen beherrschen den Wahlkampf?

Die Wahl ist natürlich offen, doch wenn man sich an den Buchmachern orientiert, rechnen 93% der Wettenden mit einem Sieg der Demokraten im Abgeordnetenhaus und 63% mit deren Sieg im Senat. Zwei Themenkreise stehen im Fokus: Zum einen die Wirtschaft und die gestiegenen Lebenshaltungskosten – da hatte Trump das genaue Gegenteil versprochen, was für Frust auch unter den republikanischen Wählern sorgt. Zum anderen „KI“, was neben den Chancen nun auch breiter und kritischer diskutiert wird: Denn viele sorgen sich um die Kontrollierbarkeit der KI oder auch deren Folgen hinsichtlich möglicher Jobverluste.

Wie könnte sich eine Niederlage Trumps auf seine Europapolitik auswirken?

Das ist schwer einzuschätzen. In der Vergangenheit hat Trump allerdings die EU als eine Art Blitzableiter genutzt, wenn es für ihn innenpolitisch nicht lief – etwa bei den Zöllen. Deshalb könnte beispielsweise ein Stopp oder eine Einschränkung bei den Energieexporten Europa im Winter besonders hart treffen. Letztlich zeigt das Gedankenspiel, dass selbst mit einem Sieg der Demokraten der weitere Ausbau von Europas Autonomie wichtig bleibt.

Sofern nicht anders angegeben, stammen alle Informationen in diesem Dokument von Amundi Asset Management und sind aktuell mit Stand 22.10.2026. Die in diesem Dokument vertretenen Einschätzungen der Entwicklung von Wirtschaft und Märkten sind die gegenwärtige Meinung von Amundi Asset Management. Diese Einschätzungen können sich jederzeit aufgrund von Marktentwicklungen oder anderer Faktoren ändern. Es ist nicht gewährleistet, dass sich Länder, Märkte oder Sektoren so entwickeln wie erwartet. Diese Einschätzungen sind nicht als Anlageberatung, Empfehlungen für bestimmte Wertpapiere oder Indikation zum Handel im Auftrag bestimmter Produkte von Amundi Asset Management zu sehen. Es besteht keine Garantie, dass die erörterten Prognosen tatsächlich eintreten oder dass sich diese Entwicklungen fortsetzen. Die Informationen wurden mit der im Geschäftsverkehr erforderlichen Sorgfalt zusammengestellt und entstammen Quellen, die Amundi Asset Management zum Zeitpunkt der Veröffentlichung für zuverlässig hält. Amundi Asset Management übernimmt keinerlei Haftung für jedwede Fehler oder Versäumnisse und schließt ausdrücklich jegliche Haftung für jedwede Fahrlässigkeit und Vorsatz aus. Dies gilt neben dem Empfänger dieser Informationen auch gegenüber weiteren Personen, die diese Informationen möglicherweise verwenden. Der Ausschluss der Haftung bezieht sich auf sämtliche Verluste sowie unmittelbare Schäden und Folgeschäden. RedOak #6064725