Angesichts der Eskalation in Nahost mit den Angriffen der USA und Israels auf das Mullah-Regime im Iran sendete Amundi Deutschland am 3. März eine Sonderausgabe des beliebten Online Formats „CIO Update“. Was der neue Irankrieg für die Kapitalmärkte bedeutet, analysierte der renommierte Experte und Amundi Deutschland CIO Thomas Kruse. Hier die wichtigsten Aussagen zum Konflikt im ausführlichen Interview:
Herr Kruse, bereits beim letzten CIO Update vor rund drei Wochen wurde darauf hingewiesen, dass die Amundi Geopolitik-Experten mit einer Intervention der USA im Iran rechnen. Entspricht der bisherige Verlauf des Krieges dem Hauptszenario der Analysen?
In der Tat hatten wir die Eskalation erwartet. Insbesondere weil nach dem 12-Tage-Krieg des letzten Jahres, bei dem die Atomanlagen des Irans empfindlich von Israel und den USA getroffen wurden, die Bedrohung der Region durch den Iran nicht nachhaltig beseitigt war. Nun der erwartet große Schlag gegen die militärische Infrastruktur und die Schwächung des Mullah-Regimes durch die gezielte Ausschaltung zentraler Führungspersönlichkeiten wie Ayatollah Chamenei.
Wie bewerten Sie die ersten Reaktionen an den Märkten?
Wir bewerten die ersten Reaktionen als überwiegend verhalten und recht rational. Bis auf den Sprung bei Ölpreis und Gold sind die Änderungen in wichtigen Assetklassen noch moderat – sowohl bei US-Aktien wie auch europäischen Unternehmenstiteln. Die EU-Creditspreads haben sich erwartungsgemäß ausgeweitet. Die Renditen von US- und EU Staatsanleihen stiegen überraschend etwas. Zusammenfassend könnte man sagen, die Kapitalmärkte konzentrieren sich momentan auf die Einschränkung der wichtigen Wirtschaftsader, der Straße von Hormus. Wir gehen aber nicht davon aus, dass diese Bedrohung des Nadelöhrs für die globale Schifffahrt allzu lange anhalten wird.
Welche Folgen hätte eine längerdauernde Blockade der Straße von Hormus für die Weltwirtschaft?
Da muss man differenzieren: Zwar passieren rund 20% des täglichen Ölbedarfs diese Meerenge, aber die Länder sind unterschiedlich stark auf diesen Versorgungsweg für Rohöl angewiesen. Die USA sind diesbezüglich weitgehend unabhängig und auch Europa bezieht nur rund 5% seines Öls über diesen Weg. Für China allerdings liegt diese Quote bei 50%, für Indien bei 55% und Japan gar bei 95%. Das hätte natürlich entsprechende Auswirkungen, wie man auch den etwas stärkeren Verlusten der asiatischen Börsen sieht. Die Inflation würde bei einem dauerhaften Ölpreis über 100 US-Dollar pro Barrel global um rund 0,5% steigen. Das ist aber nicht unser Hauptszenario. Aktuell gehen wir nur von einem temporären Ölpreisanstieg aus. Wir erwarten, dass sich die Notenbanken momentan mit Zinssenkungen zurückhalten, aber langfristig ausgerichtet bleiben und an ihrer expansiven Geldpolitik festhalten.
Was bedeutet das Szenario auf Portfolio-Ebene? Kaufen, wenn die Kanonen donnern?
Als professionelle Asset Manager sind wir natürlich strategisch ausgerichtet und betreiben keinen kurzfristigen Aktionismus. So sehen wir nun auch, dass unser seit längerem betontes Votum für die Beimischung von Gold nun Stabilität in die Portfolien bringt. Wir sind weiter davon überzeugt, dass Gold – trotz der bereits hohen Preise – ein wichtiger Diversifizierer bleibt und auch die Nachfrage hoch bleiben wird. Die Renditen der Staatsanleihen sind überraschend gestiegen, was momentan gegen deren Funktion als sicherer Hafen spricht und darauf verweist, dass die Inflationssorgen weiter hoch sind. Das Szenario würde sich erst dann ändern, wenn der Ölpreis länger hoch bliebe und über den Rückgang beim Wachstum und eine diesbezügliche Verringerung der Aktien-Engagements wieder mehr Kapital in Staatsanleihen fließen würde. Wie gesagt, wir rechnen allerdings eher mit einer temporären Blockade der Straße von Hormus und begleitend hoher Volatilität. Auf Jahressicht sollte der Ölpreiskorridor allerdings zwischen 60 und 70 US-Dollar bleiben.
Und bei den Aktien?
Je länger die Blockade dauert, dürften wir dann eine sektorale und auch regionale Rotation der Titel sowie eine generell defensivere Ausrichtung im Vergleich mit der aktuellen Allokation sehen. Bei den Emerging Markets sollte neben dem Credit Rating auch eine Unterscheidung in Öl-importierende und -exportierende Länder beachtet werden. Wir sind beispielsweise für Indien weiter positiv, aber vor dem Hintergrund seiner Öl-Abhängigkeit behalten wir die Entwicklung im Auge.
Ihr vorläufiges Fazit?
Zusammenfassend lässt sich sagen, wir sehen momentan eine weitgehend moderate und rationale Einordnung der Geschehnisse rund um den Krieg mit dem Iran an den Finanzmärkten. Das sieht man auch an dem bereits vor der Eskalation erfolgten Anstiegs des Rohölpreises – ein Zeichen dafür, dass die Eskalation für die Börsen nicht völlig überraschend kam. Gewisse Anpassungen und Justierungen in den Assetklassen sind deshalb als reflektierter Umgang mit der Situation zu werten. Es bleibt bei unseren Grundaussagen, breit diversifiziert zu sein und die Situation weiter aufmerksam zu beobachten sowie gegebenenfalls Anpassungen im Portfolio vorzunehmen.
Sofern nicht anders angegeben, stammen alle Informationen in diesem Dokument von Amundi Asset Management und sind aktuell mit Stand 03.03.2026. Die in diesem Dokument vertretenen Einschätzungen der Entwicklung von Wirtschaft und Märkten sind die gegenwärtige Meinung von Amundi Asset Management. Diese Einschätzungen können sich jederzeit aufgrund von Marktentwicklungen oder anderer Faktoren ändern. Es ist nicht gewährleistet, dass sich Länder, Märkte oder Sektoren so entwickeln wie erwartet. Diese Einschätzungen sind nicht als Anlageberatung, Empfehlungen für bestimmte Wertpapiere oder Indikation zum Handel im Auftrag bestimmter Produkte von Amundi Asset Management zu sehen. Es besteht keine Garantie, dass die erörterten Prognosen tatsächlich eintreten oder dass sich diese Entwicklungen fortsetzen.