In der jüngsten Ausgabe des Online-Journals „CIO-Update“ erklärte Helen Windischbauer, Head of Multi Asset Solutions bei Amundi Deutschland, wie die Finanzmärkte auf ein mögliches Ende des Iran-Konfliktes blicken. Welche Anlageklassen für Investoren derzeit besonders interessant sein könnten, erläuterte sie im ausführlichen Interview.
Der Iran und die USA haben einen Waffenstillstand beschlossen und eine Absichtserklärung unterzeichnet, die bald in einen Friedensvertrag münden soll. Was bedeutet das für die Finanzmärkte?
Nachdem die Märkte seit Beginn des Konflikts wegen des hohen Ölpreises und der Blockade der Straße von Hormus unter Druck geraten waren, ist das natürlich ein positives Signal. Perspektivisch steigt damit die Hoffnung auf konjunkturelle Belebung sowie eine Trendwende bei der gestiegenen Inflation. Doch bleibt vorerst abzuwarten, wie sich das Ende des Krieges konkret ausgestaltet und welche Regeln in der Straße von Hormus gelten werden.
Die Aktienmärkte hatten sich bereits vor dem Waffenstillstand als robust gezeigt. Warum?
Man könnte sagen, die Investoren haben durch den Konflikt „hindurchgesehen“ und mehr auf wirtschaftliche Faktoren geachtet. Und da sorgten eine starke Berichtssaison – insbesondere in den USA – sowie die enormen Investitionszusagen der großen Big-Tech- und KI-Unternehmen für Rückenwind. Dass vor allem die Technologiewerte die Aktienrallye beflügelt haben, zeigt sich beim Performancevergleich: Breite Indizes, wie der S&P 500, haben seit Jahresbeginn eine moderat positive Wertentwicklung, Tech-Indizes, wie der Philadelphia Semiconductor Index, verzeichnen hingegen ein spektakuläres Plus Richtung 90%.
Dennoch bleibt das Thema Inflation ein wichtiges. Welche Entwicklung erwarten Sie?
Aktuell liegt die Inflation in den USA mit 4,2% im Vergleich zum Vorjahresmonat sogar über den Erwartungen. In der Eurozone stieg der Wert auf 3,2%. Ein möglicher Frieden könnte die hohen Energiepreise natürlich nun weiter senken, was den aktuellen Preisauftrieb dämpfen dürfte. Insgesamt rechnen wir von Amundi eher damit, dass der aktuelle Anstieg temporär ist. Unsere Prognose ist auf Basis eines Ölpreises von 90 US-Dollar pro Barrel eher defensiv: Wir rechnen für die USA nach 3,6% im Jahr 2026 mit 2,5% Inflation für 2027. In Europa dürfte der Trend mit 3,1% in diesem und 2,6% im Folgejahr ähnlich sein. Wie gesagt, bei einem schnellen und nachhaltigen Frieden mit einer noch deutlicheren Entspannung auf dem Ölmarkt könnte die Entwicklung noch positiver ausfallen.
Welche Reaktionen der Notenbanken erwarten Sie?
Die EZB hat ja den Leitzins kürzlich um 25 Basispunkte angehoben, die Fed hat den Zinssatz nun unverändert gelassen. Wir rechnen damit, dass die EZB diese Anhebung 2026 noch einmal wiederholt, die Fed aber „on hold“ bleibt. 2027 könnten wir dann in den USA zwei Zinssenkungen sehen.
Was bedeutet das aktuelle Szenario auf der Ebene der Anlageklassen?
Die Bewertungen für Aktien und Anleihen sind im historischen Vergleich relativ hoch. Dennoch sind wir konstruktiv bis positiv positioniert und sehen etwa bei europäischen Aktien oder Unternehmensanleihen noch ein interessantes Niveau. Wegen der relativ hohen Renditen bieten Anleihen wieder attraktive Investitionsmöglichkeiten, wobei wir die Dt. Bunds mit ihrem guten Risiko-Ertrags-Verhältnis den US-Treasuries derzeit vorziehen würden. Die sehr überzeugende Berichtssaison in den USA demonstriert indes aus unserer Sicht leichte Vorteile für US-Aktien gegenüber europäischen Unternehmenstiteln, die aber ebenfalls solide Gewinnaussichten berichtet haben. Zudem sprechen strukturelle Gründe, wie die hohen Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung, für Europa. Hier halten wir vor allem Small und Mid Caps für wichtige Profiteure.
Noch ein Wort zu Deutschland: Die Wachstumsprognose des DIW für 2026 liegt derzeit bei mageren 0,5%. Wie bewerten Sie die aktuelle Konjunkturflaute?
Klar, das sind keine guten Nachrichten. Doch denken wir, dass die Belastungen gerade Deutschlands durch den Iran-Krieg und seine Folgen nur vorübergehend sind. Man könnte sagen, die Trendwende wurde durch die Geopolitik „auf Eis“ gelegt. Wir sind aber zuversichtlich, dass die sich nun abzeichnende Entspannung des Konflikts dazu beiträgt, diese Schwäche zu überwinden – und dann 2027 die deutschen Investitionspakete positive Impulse für unsere Wirtschaft setzen können.
Sofern nicht anders angegeben, stammen alle Informationen in diesem Dokument von Amundi Asset Management und sind aktuell mit Stand 18.06.2026. Die in diesem Dokument vertretenen Einschätzungen der Entwicklung von Wirtschaft und Märkten sind die gegenwärtige Meinung von Amundi Asset Management. Diese Einschätzungen können sich jederzeit aufgrund von Marktentwicklungen oder anderer Faktoren ändern. Es ist nicht gewährleistet, dass sich Länder, Märkte oder Sektoren so entwickeln wie erwartet. Diese Einschätzungen sind nicht als Anlageberatung, Empfehlungen für bestimmte Wertpapiere oder Indikation zum Handel im Auftrag bestimmter Produkte von Amundi Asset Management zu sehen. Es besteht keine Garantie, dass die erörterten Prognosen tatsächlich eintreten oder dass sich diese Entwicklungen fortsetzen.