Ölkrise: „Wir sehen Preisreaktionen, aber keinen physischen Mangel“
In der jüngsten Ausgabe des beliebten Amundi Online-Formats „CIO-Update“ am 23.04. diskutierten Thomas Kruse, CIO von Amundi Deutschland, und Dr. Carsten Rolle, Co-Bereichsleiter Energie, Mobilität und Umwelt beim BDI sowie Geschäftsführer des Weltenergierat - Deutschland e.V., die Auswirkungen der aktuellen Ölkrise. Was Anlegerinnen und Anleger jetzt beachten sollten, lesen Sie im ausführlichen Interview.
Herr Kruse, während des nun bereits rund zwei Monate andauernden Iran-Kriegs wurde nicht nur die Straße von Hormus blockiert, sondern auch wichtige Infrastruktur und Anlagen der Ölindustrie rund um den Golf beschädigt. Wer ist von der aktuellen Ölkrise besonders betroffen?
Vor allem Asien, insbesondere der größte Ölimporteur der Welt China, das den Rohstoff zudem zu 50% über die Straße von Hormus bezieht. Auch Japans Ölversorgung hängt hauptsächlich an der Situation rund um die Meerenge am Golf – allerdings verfügt Nippon über sehr große Lagerbestände. Auch die aufstrebende Wirtschaftsmacht Indien leidet unter der Blockade. Im Gegensatz dazu sind die USA als rohstoffreicher Exporteur fossiler Energie kaum und die EU wenig betroffen. Allerdings zahlen nun alle die hohen Weltmarktpreise, was sich nicht nur an unseren Tankstellen schmerzlich zeigt.
Mit welchem weiteren Szenario rechnen Sie?
Wir gehen zum heutigen Zeitpunkt davon aus, dass die Straße von Hormus bis Ende April wieder geöffnet wird. Dennoch dürfte eine Normalisierung der Lieferketten mehrere Monate benötigen – die Reparatur der beschädigten Infrastruktur könnte gar Jahre dauern. Wir rechnen jedenfalls in diesem Szenario damit, dass sich der Ölpreis am Ende des Jahres wieder Richtung 80 US-Dollar einpendeln dürfte.
Was bedeutet das für Inflation und Konjunktur?
Entgegen der ursprünglichen Erwartung steigt die Inflation 2026 voraussichtlich wieder an, in den USA voraussichtlich von 2,7% in 2025 auf nun 3,3%. In Europa sehen wir statt 1,7% heuer wohl 2,8%. Das drückt natürlich auch die Erwartung zum BIP-Wachstum etwas: In den Industrieländern meist im Korridor zwischen -0,2% bis -0,5%. Aufgrund des erwarteten Inflationsanstiegs preisen die Märkte gerade für die EZB und die Bank of England Zinserhöhungen ein, während die USA tendenziell auf „Halten“ bleiben dürften und die erwarteten Senkungen wohl aussetzen werden. Wenn unser derzeitiges Hauptszenario eintrifft, wird die Inflation also eher ein temporärer Effekt bleiben, der sich über das laufende Jahr egalisiert. Bei einer weiteren Eskalation des Iran-Krieges könnte es aber durchaus zu Überwälzungen kommen. Diese könnten in einer Lohn-Preis-Spirale münden, auf die die Notenbanken dann stärker reagieren müssten.
Die US-Aktienmärkte galten lange vor allem mit Blick auf das Tech-Segment als sehr hoch bewertet. Wie bewerten Sie das aktuelle Niveau?
Gemessen an den Gewinnen und derzeitigen Gewinnerwartungen könnte man das Niveau durchaus wieder als Einstiegsniveau bewerten. Die Quartalsergebnisse in den USA fallen bislang besser aus als erwartet und die meisten Indizes notieren momentan wieder nahe oder über den Höchstständen von vor dem Krieg. Insofern sind auch wir leicht positiv für US-Aktien.
Und wie sind Sie in den anderen Assetklassen positioniert?
Neutral für die Aktien der restlichen Industrieländer und leicht positiv für Schwellenländer. Ebenso leicht positiv für Gold, Anleihen aus Schwellenländern und Unternehmensanleihen hoher Bonität (Investment Grade-Rating). Bei High-Yields, also Hochzinsanleihen, mahnen wir aktuell aber zu Vorsicht. In Sachen US-Dollar hatten die Unzuverlässigkeit der Regierung Trump sowie deren bündnisskeptische Haltung dafür gesorgt, dass enorme Vermögenswerte aus dem US-Dollar abgezogen wurden. Das hat sich mit dem Beginn des Iran-Krieges und der folgenden Ölkrise wieder etwas revidiert. Wir rechnen Stand heute zum Jahresende mit einem Dollarkurs zum Euro um die 1,25.
Herr Dr. Rolle, wie steht es aus Ihrer Sicht um die Versorgungssicherheit für Öl, Gas und Kerosin in Deutschland?
Die Bewertung ändert sich zwar von Woche zu Woche, aber die Betroffenheit der EU von der momentanen fossilen Rohstoffkrise ist nicht zu vergleichen mit der Gaskrise zu Beginn des Ukraine-Krieges – davon sind wir sehr weit entfernt. In der Tat sehen wir teils deutliche Preiseffekte, aber noch keine physischen Engpässe. Dennoch ist gerade einiges ins Rutschen gekommen, haben sich die Lieferketten verändert. Es kann erst sogar noch schwieriger werden, bevor es wieder besser wird.
Wie weit sind wir in Europa auf dem Transformationspfad hin zu mehr Unabhängigkeit und Erneuerbaren Energien?
Ich würde sagen, die EU ist zwischen den „Petro-States“ wie den USA oder Russland sowie den „Elektro-States“ wie China positioniert. Der Weg geht natürlich eher Richtung „Elektro“. Gerade für Deutschland haben wir aber ganz klar noch Reformbedarf: Die hohen Energie- und CO2-Kosten sind ebenso eine Standortbelastung wie die hohen Bürokratiekosten, Arbeitskosten, Steuern oder die vielfach schlechte Qualität der Infrastruktur. Da kommt der Vorsprung, den wir in Forschung und Innovation haben, leider nicht so zum Tragen und übersetzt sich nicht ausreichend in Markterfolge wie er könnte. Die aktuellen Krisen zeigen, dass wir uns resilienter aufstellen sollten und dabei auf Erneuerbare Energie setzen sollten, die klüger ins Energiesystem integriert werden müssen. Deshalb sollten wir nun die politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen schaffen, die den notwendigen Veränderungsprozessen mehr Sicherheit bieten.
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Sofern nicht anders angegeben, stammen alle Informationen in diesem Dokument von Amundi Asset Management und sind aktuell mit Stand 23.04.2026. Die in diesem Dokument vertretenen Einschätzungen der Entwicklung von Wirtschaft und Märkten sind die gegenwärtige Meinung von Amundi Asset Management. Diese Einschätzungen können sich jederzeit aufgrund von Marktentwicklungen oder anderer Faktoren ändern. Es ist nicht gewährleistet, dass sich Länder, Märkte oder Sektoren so entwickeln wie erwartet. Diese Einschätzungen sind nicht als Anlageberatung, Empfehlungen für bestimmte Wertpapiere oder Indikation zum Handel im Auftrag bestimmter Produkte von Amundi Asset Management zu sehen. Es besteht keine Garantie, dass die erörterten Prognosen tatsächlich eintreten oder dass sich diese Entwicklungen fortsetzen.