Der Wind an den Märkten kann sich schnell drehen

Montag, 05. Oktober 2020

Marktkommentar

Der Wind an den Märkten kann sich schnell drehen


Vor der Ausbreitung des Corona-Virus hatten wir es schon lange mit der sehr schnellen Verbreitung von Nachrichten, Vorstellungen und Erwartungen – also Narrativen – an den Finanzmärkten und auch in der Realwirtschaft zu tun. Allerdings werden neue Geschichten oft von Erinnerungen an Vergangenes gesteuert. Auch die Corona-Krise hat eine Reihe von Bildern aus früheren Zeiten zu Pandemien, Kriegen und Finanzkrisen wiederauferstehen lassen.

 
 

In den Worten des Ökonomen und Nobelpreisträgers Robert Shiller sind es Geschichten und Bilder, die rund um neue wirtschaftliche Ereignisse entstehen und die einen großen Einfluss auf die Finanzmärkte haben können. Regierungen und Zentralbanken sahen sich dadurch veranlasst, schneller und entschlossener zu handeln als je zuvor. Das Thema des neuen Leitbildes lautet folglich: „Nach Corona“.

Renaissance ist eingepreist

Die Finanzmärkte haben dieses Narrativ übernommen und preisen das günstigste Szenario, nämlich die „Renaissance der Wirtschaft nach Corona“, ein. Aber um die Erholung der Konjunktur zu stabilisieren, werden aus unserer Sicht noch weitere fiskal- und geldpolitische Maßnahmen notwendig sein. Denn die Auswirkungen der Pandemie auf die Realwirtschaft und die Gesellschaft sind tiefgreifend: Die Gesamtverschuldung schießt in Rekordhöhen, und für einige Branchen ist eine Rückkehr auf Vorkrisenniveau sehr unwahrscheinlich. Die Ungleichheiten in der Gesellschaft und zwischen den Generationen nehmen zu. Sie sind der Feind, der bekämpft werden muss, um sozialen Aufruhr zu vermeiden.

An den Finanzmärkten werden Narrative, die im Zuge wichtiger politischer Ereignisse entstehen – insbesondere der US-Präsidentschaftswahlen und der Debatte um die Mittelverwendung im EU-Wiederaufbaufonds – die Richtung vorgeben. Starke Narrative können einen Marktkonsens forcieren, der dann das Handeln der Marktteilnehmer auf breiter Front bestimmt.

Für immer niedrige Zinsen?

Heute lautet die „magische Formel“ der Finanzmärkte, dass die Renditen der wichtigsten Anleihetypen für immer niedrig bleiben werden. Diese Annahme könnte sich jedoch als fragiler erweisen als derzeit angenommen. Und das könnte wiederum erhebliche Auswirkungen auf die Finanzmarktentwicklung haben.

Um die Corona-Krise zu überwinden, wird die Verschuldung weiter steigen müssen, wie wir meinen. Nur so kann der strukturelle Wandel finanziert werden, von dem die Gesellschaft auf breiter Ebene profitieren kann. Eine höhere Verschuldung dürfte aber auch eine höhere Inflation und niedrige Realzinsen erfordern, um die Bedienung der Schulden zu erleichtern.

Das unbegrenzte Quantitative-Easing-Programm – also die expansive Geldpolitik – der US-Notenbank Fed hat die Renditen von US-Staatsanleihen auf Allzeittiefs gedrückt. Dass die Fed nun ein Ziel der Durchschnittsinflation („average inflation target“) verfolgt, bedeutet, dass die kurzfristigen Zinsen in der Erholungsphase nahe bei null bleiben dürften. Die Fed und die EZB werden vermutlich erst dann wieder eine Zinserhöhung vornehmen, wenn die Inflation über einen längeren Zeitraum weit über ihrem Zielwert liegt.

Inflation ist vergessen, aber nicht aus der Welt
 
Jegliche Enttäuschung der Marktteilnehmer könnte dazu führen, dass die aktuellen Vorstellungen zu Anleiherenditen infrage gestellt werden. Solche Auslöser könnten beispielsweise eine überraschend starke Konjunkturerholung oder eine Reduzierung der expansiven Geldpolitik der Fed sein. Jede Zinserhöhung – egal aus welchen Gründen – könnte die Bewertungen in einzelnen Aktienmarktsegmenten gefährden, vor allem im Technologiebereich.

Aktuell spielt Inflation an den Märkten keine Rolle. Angesichts offensichtlicher Deglobalisierungstendenzen und der steigenden Verschuldung kann sie aber durchaus wieder zum Thema werden. Big Data – also moderne Technologien zur Verarbeitung und Auswertung riesiger Datenmengen – und künstliche Intelligenz dürften in der Geldanlage noch stärker an Bedeutung gewinnen, denn damit lassen sich Muster verfolgen und nutzen, um Trends besser zu verstehen und vorherzusagen.

Anleger sollten aus unserer Sicht auf eine mögliche Änderung des Narrativs vorbereitet sein. Sie sollten sich aus unserer Sicht ein hohes Maß an Flexibilität und Liquidität bewahren, um Chancen nutzen zu können, die sich aus Ineffizienzen und Verwerfungen ergeben.

Von Pacal Blanqué, CIO von Amundi.

Quelleninformationen und die vollständige Publikation "The day after #11 - Post-crisis narratives that will drive financial markets" finden Sie in der englischen Originalfassung im  Amundi Research Center  zum Download.

Rechtliche Hinweise: Sofern nicht anders angegeben, stammen alle Informationen in diesem Dokument von Amundi Asset Management und sind aktuell mit Stand 15.09.2020. Die in diesem Dokument vertretenen Einschätzungen der Entwicklung von Wirtschaft und Märkten sind die gegenwärtige Meinung von Amundi Asset Management. Diese Einschätzungen können sich jederzeit aufgrund von Marktentwicklungen oder anderer Faktoren ändern. Es ist nicht gewährleistet, dass sich Länder, Märkte oder Sektoren so entwickeln wie erwartet. Diese Einschätzungen sind nicht als Anlageberatung, Empfehlungen für bestimmte Wertpapiere oder Indikation zum Handel im Auftrag bestimmter Produkte von Amundi Asset Management zu sehen. Es besteht keine Garantie, dass die erörterten Prognosen tatsächlich eintreten oder dass sich diese Entwicklungen fortsetzen.

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