Die Regulierung der KI in Europa schafft Vertrauen

Montag, 20. November 2023

Marktkommentar

Die Regulierung der KI in Europa schafft Vertrauen


Prof. Dr. Philipp Hacker ist KI-Experte und seit 2020 Professor der neu gegründeten European New School of Digital Studies an der Europa-Universität Viadrina. Er berät sowohl Bundesministerien als aktuell insbesondere auch das Europäische Parlament bei der Ausgestaltung des „AI-Act“ der EU. Im CIO Marktupdate-Call von Amundi erläuterte der Wissenschaftler die Chancen und Risiken der Künstlichen Intelligenz sowie den aktuellen Stand in Sachen Regulierung.

 

 

Herr Prof. Hacker, „KI“ und eine Reihe verwandter Begriffe liegen derzeit voll im Trend. Können Sie uns ein wenig helfen, die wichtigsten Begriffe der aktuellen Diskussion zu sortieren?

Gerne. Wir verstehen unter Künstlicher Intelligenz („KI“ – oder international „AI“ für Artificial Intelligence) vor allem den Bereich des maschinellen Lernens. Also etwa eine Software, die anhand einer Vielzahl von Beispielen und somit großen Datenmengen so trainiert wird, dass sie beim Ausführen bestimmter Aufgaben immer besser wird. Über große generative KI-Modelle, große Sprach- und Transformatormodelle sind wir mittlerweile beim sogenannten „Generative Pre-Trained Transformer“, wie dem mittlerweile weltbekannten Chatbot „ChatGPT“, angekommen. „Generative KI“ erstellt heute beispielsweise selbstständig hochwertige Texte, Bilder, Audio- oder Videodateien.

Der Europäische Gesetzgeber arbeitet gerade an einer KI-Regulierung und bezieht sich dabei auf den Begriff „Foundation Models“. Was ist damit konkret gemeint?

Das ist eine Spezifizierung des bisherigen KI-Begriffs. Er umfasst gemäß einer Definition des bekannten KI-Forschers Rishi Bommasani aus Stanford insbesondere KI-Modelle, die auf Grundlage umfangreicher Daten trainiert wurden, auf Allgemeinheit der Ergebnisse ausgelegt sind und an ein breites Spektrum unterschiedlicher Aufgaben angepasst werden können. Darunter fallen insbesondere auch ChatGPT, GPT-4, Bard und andere sehr potente Modelle.

In welchen Bereichen wurden KI-Modelle bislang hauptsächlich angewendet?

Neben Chatbots für den B2C-Bereich, wie ChatGPT oder Bard, fanden KI-Lösungen bislang etwa erfolgreich Verwendung in der Medizin, bei Versicherungen oder beispielsweise beim Überprüfen der Kreditwürdigkeit von Personen oder Firmen.

Und welche Bereiche könnten künftig von Bedeutung sein?

Wir befinden uns in einem hochdynamischen Prozess. Jüngsten Meldungen zufolge hat zum Bespiel Nvidia ein neues KI-Modell entwickelt, das selbst die Codes schreibt, mit denen dann Roboter trainiert werden können. Das könnte ein riesiger Impuls für die Industrie sein, sozusagen bereits eine „Industrie 5.0“. Auch im Rüstungssektor arbeitet man an hochwertigen KI-Modellen, das läuft aber verständlicherweise häufig abseits der großen Schlagzeilen. Und sogenannte Intermediäre, die allgemeine KI-Anwendungen für ganz spezielle Themen nutzbar machen und fein tunen, oder Acceleratoren, die KI-Projekte in der Industrie beschleunigen helfen, dürften künftig ebenfalls an Bedeutung gewinnen.

Wie steht es denn aktuell um die Konkurrenzfähigkeit Europas in Sachen KI?

Bei den großen Foundation Models, bei denen oft mehr als 10 Bio. Parameter verarbeitet werden müssen und enorme Trainingsdaten anfallen – was entsprechende Rechenkapazitäten erfordert –, liegen die USA mit ca. 73% Marktanteil unangefochten vorne. Auf China entfallen hier etwa 15% und Europas Anteil liegt bei unter 10%.

Wie lässt sich der große KI-Vorsprung der USA erklären?

Vor allem wird das Thema „Gründergeist“ dort ganz anders gelebt, als bei uns. KI-Start-ups bekommen mehr Unterstützung und auch beim zur Verfügung stehenden Wagniskapital liegen Welten zwischen Amerika und Europa. Eine wichtige Rolle spielt zudem die Regulierung bzw. deren weitgehende Abwesenheit. Das liegt auch an der aktuellen Dysfunktionalität des US-Repräsentantenhauses. Weil die Gräben zwischen den politischen Lagern so groß sind, ist auf absehbare Zeit nicht mit einer Einigung hinsichtlich einer strengen Regulierung der KI zu rechnen. Diese Freiheiten ziehen entsprechend KI-Unternehmen an.

In Europa wird gerade – unter Ihrer Beteiligung als Berater – an einer Regulierung, dem sogenannten „AI-Act“, gearbeitet. Wie ist der Stand?

Mit der Verabschiedung des Positionspapiers zum AI-Act durch das Europaparlament im Juni 2023 befinden wir uns nun in der Phase des Aushandels eines konkreten Gesetzesvorschlags zwischen Europaparlament, Europäischem Rat und EU-Kommission. Gegen Ende des Jahres soll daraus eine abschließende Fassung des Gesetzes hervorgehen. Damit wären wir in Europa die ersten im westlichen Wirtschaftsraum (China hat schon ein KI-Gesetz), die Chancen und Risiken von KI umfassend regulieren. Es wird dafür vier Risikoklassen geben: minimales Risiko, begrenztes Risiko, Hochrisiko und „verbotenes“ Risiko. Schon jetzt ist absehbar, dass wir vor allem im Bereich Hochrisiko eine Vielzahl an Regeln haben werden, was viele praktische Anwendungen wie Gesichtserkennung, medizinische KI oder Kreditwürdigkeitsprüfung betrifft. Wir sollten mit Blick auf das Thema Wettbewerbsfähigkeit ehrlich sein: Da der AI-Act nur für in Europa tätige Unternehmen gilt, könnte auch eine Abwanderung innovativer KI-Unternehmen in die USA oder Vereinigten Arabischen Emirate drohen, weil es dort mehr Freiheiten und auch Rechenkapazitäten gibt.

Was sind dann die Vorteile des europäischen AI-Acts?

Das Hauptziel liegt ja darin, Chancen und Risiken von KI zu regulieren. Das ist ein Wert für sich, der den Bürgern der EU zu Gute kommt, wenn beispielsweise nicht ohne weiteres Gesichtserkennungen im öffentlichen Raum stattfinden oder Verbraucherschutzrechte berücksichtigt werden. Dieser Vertrauensaspekt und die hohe Glaubwürdigkeit der EU können auch ein Standortvorteil für Unternehmen sein. Hinzu kommt, dass europäische Daten nur unter sehr hohen Hürden an andere Standorte in den USA oder Asien transferiert werden können, weswegen KI-Unternehmen nicht in jedem Fall einfach den Standort verlagern können – dann finden sie hier einen vernünftigen Rechtsrahmen für ihre KI-Projekte.   

 
Bei den Amundi CIO Marktupdate-Calls  beleuchten wir regelmäßig die aktuelle Börsenlage und analysieren wichtige Themen, die die Finanzmärkte beeinflussen können. Immer mit interessanten Gastreferenten aus Wirtschaft und Politik.

 

 Rechtliche Hinweise: Sofern nicht anders angegeben, stammen alle Informationen in diesem Dokument von Amundi Asset Management und sind aktuell mit Stand 21.11.2023. Die in diesem Dokument vertretenen Einschätzungen der Entwicklung von Wirtschaft und Märkten sind die gegenwärtige Meinung von Amundi Asset Management. Diese Einschätzungen können sich jederzeit aufgrund von Marktentwicklungen oder anderer Faktoren ändern. Es ist nicht gewährleistet, dass sich Länder, Märkte oder Sektoren so entwickeln wie erwartet. Diese Einschätzungen sind nicht als Anlageberatung, Empfehlungen für bestimmte Wertpapiere oder Indikation zum Handel im Auftrag bestimmter Produkte von Amundi Asset Management zu sehen. Es besteht keine Garantie, dass die erörterten Prognosen tatsächlich eintreten oder dass sich diese Entwicklungen fortsetzen.